Padlet als „eierlegende Wollmilchsau“ für die Organisation zeitgemäßer Unterrichtsszenarien

Es war alles andere als Liebe auf den ersten Blick: anfänglich wusste ich mit Padlet nicht sonderlich viel anzufangen. Die App versprach, so etwas wie eine digitale Pinnwand zu sein, entpuppte sich aber als etwas unhandlich, wenn 30 Schüler*innen gleichzeitig darauf herum posteten. Irgendwann habe ich aber angefangen, das Tool für die Organisation meiner Unterrichtsszenarien einzusetzen. Hier kann man sein ganzes Potential ausschöpfen.

Besonders klar werden die Vorteile von Padlet in diesem Beispiel aus dem Deutschunterricht. Auf Facebook war gerade eine durch die Lokalpresse initiierte Diskussion entbrannt, ob man einen örtlichen Naturstrand im 21. Jahrhundert tatsächlich weiterhin als „Negerbad“ bezeichnen sollte. Der scheußliche Name hate sich über die Jahrzehnte am Bodensee etabliert und konnte sogar auf GoogleMaps gefunden werden. Über tausend oft haarsträubende Kommentare waren die Folge – eine typische Netzdiskussion. Ziel des Unterrichts war, die Funktionsweise der Argumente in diesen Kommentaren analysieren und verstehen zu können. Hierfür sollten sich die Schüler*innen zunächst über typische fehlerhafte Argumentationsmuster informieren, um dann solche Muster in den Facebook-Kommentaren erkennen zu können.

Link zum Padlet „fehlerhafte Argumentationsmuster“

Made with Padlet

 

Arbeitsauftrag, Material (als Links), Schüler*innen-Ergebnisse, Lehrerfeedback, Rückfragen: Alles ist hier an einem Platz im Netz. Zudem läßt sich das Padlet jederzeit flexibel umgestalten, ergänzen – plattformunabhängig und mit jedem gebrauchsüblichen Browser zu verwenden. Da ein Padlet ganz einfach über seine URL erreichbar ist, ist die Arbeit damit orts- und zeitunabhängig und für alle Beteiligten transparent. All dies macht Padlet ideal für jene agile Didaktik, die für mich zu einem Kerngedanken zeitgemäßer Bildung geworden ist. Als Netztool erleichtert Padlet außerdem die Auseinandersetzung und Arbeit mit zeitgemäßen Medien.

Das in diesem Padlet vorgestellte Unterrichtsszenario ist wiederum nur ein Knotenpunkt in einem Netz aus weiteren Szenarien einer „Unterrichtseinheit“ zum Thema „Erörtern“, die wiederum in anderen Padlets dargestellt und miteinander verlinkt sind. Unterrichtsszenarien können so organischer dargestellt werden, indem sie von der ihnen oft aufgezwungenen Linearität verlieren.

Link zum Padlet „Erörtern“

Made with Padlet

 

Beim Durchklicken durch dieses Beispiel wird man entdecken, dass man sowohl eng geführte als auch sehr offene Unterrichtsszenarien auf diese Weise organisieren und miteinander verknüpfen kann. Auch Differenzierung ist leicht möglich durch die Bereitstellung von zusätzlichen Lernwerkzeugen oder Vertiefungsangeboten.

Das Unterrichtsgeschehen ist zudem transparent dokumentiert. Schüler*innen, die z.B. eine Stunde wegen Krankheit fehlen, finden sich leicht wieder zurecht. Im Sinne von OER lassen sich Padlets auch jederzeit von Kolleg*innen kopieren und für ihre eigenen Unterrichtsvorhaben verändern und anpassen.

Zum Datenschutz: Schüler*innen müssen sich für die meisten Einsatzmöglichkeiten von Padlet nicht bei dem Dienst anmelden. Sie können auch so lesen, kommentieren, posten und sogar moderieren, wenn die Lehrperson dies freigeschaltet hat.

Die Verwendung einer nativen Padlet-App kann ich eigentlich nur für den Einsatz mit Smartphones empfehlen; auf dem Tablet verwendet man am besten die Web-App über den Browser.

Der Account ist in seiner (sehr umfangreichen) Basisversion kostenlos und erfordert lediglich das Anlegen eines Lehrerkontos.

Ein weiterer Vorteil von Padlet ist die einfache Einbindung in WordPress-Seiten wie diese. Der jeweilige Link genügt und das Padlet wird im Beitrag angezeigt. Auf Smartphones ist für die korrekte Anzeige allerdings oft der „Landscape“-Modus nötig.

4 Replies to “Padlet als „eierlegende Wollmilchsau“ für die Organisation zeitgemäßer Unterrichtsszenarien”

  1. Du beschreibst ein digitales Lernsetting, dass genau das zeigt, was #digitalebildung (nach momentan unfertigem Verständnis) sein kann (von mir aus nenne man es #zeitgemäßebildung oder #unzeitgemäßebildung oder whatever): mobil, individualisiert, kollaborativ, agil … ich habe mit #padlet auch schon gute Erfahrungen gemacht! Vielleicht könntest du in den Artikel noch einbauen, dass ein Padlet per iframe auch in Moodle eingebaut werden kann. Und dann erkläre ich meinen SuS immer auch, dass wir im Netz und auf einer .com-Domain keine Klarnamen, sonstige sensible Daten usw. verwenden, so kann man nebenbei wieder was für die reflektive Medienkompetenz tun.

    1. Danke für die Ergänzungen, die die Leser*innen des Posts in deinem Kommentar finden werden.
      Den Hinweis mit den Klarnamen für Schüler*innen finde ich sehr wichtig. Wird von mir immer wieder thematisiert, scheint aber sehr verlockend zu sein.

  2. In zweifacher Hinsicht ein wirklich gelungener Beitrag: Zum einen zeigt er aus deutschdidaktischer Sicht, dass man mit dem Thema “Argumentieren” auch anders umgehen kann als mit den üblichen Behauptung-Begründung-Beleg-Schemata. Zum anderen zeigt er aus mediendidaktischer Perspektive, was man mit offenen Formaten erreichen kann, wenn man sich von den üblicherweise sehr engführenden Tools löst. Padlet scheint mir einzulösen, was die aktuellen H5P-Content-Types (noch) nicht leisten. Außerdem ist es ein wenig wie ein plattform- und geräteübgreifendes ExplainEverything Lite 😉

    1. Das BBB-Schema ist mir ohnehin ein Rätsel. Es scheint zu den meist unhinterfragten Dingen zu gehören, die einfach im schulischen Kontext existieren und von Verlagen und Kolleg*innen konserviert werden. Dabei scheint es mir kaum empirisch begründbar zu sein. Es ist ein völlig künstliches Konstrukt.
      In der Realität wird praktisch nirgendwo auf diese Weise argumentiert.

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