Gastbeitrag: “Ich kann nicht mehr”

Immer mal wieder werde ich von Lehrpersonen angesprochen, die gerne ihre Perspektive mit anderen teilen wollen. So kam auch dieser Text zustande. Ich freue mich über den Gastbeitrag von einer Lehrperson, die anonym bleiben möchte. Ich freue mich über eine Perspektive auf dieser Website, die nicht die meine ist – die mich aber in ihrer Offenheit tief berührt hat. Nach zwei Jahren schulischen Ausnahmezustands stellt dieser Text wichtige Fragen zur Menschlichkeit im System Schule.

“Ich kann nicht mehr.”

So fing ich meine letzte Stunde in meiner Klasse an. Ich bin Lehrer an einer beruflichen Schule. Mein Studium habe ich gut gemeistert, mein Referendariat an einer beruflichen Schule mit Auszeichnung bestanden. Ich kann also von mir behaupten in der Theorie ein sehr guter Lehrer zu sein; so zumindest der Tenor sämtlicher Ausbildungsstationen unseres Landes. Ich bin sehr gerne Lehrer. Ich weiß nicht genau wieso. Ich war nie einer, der gesagt hat “Lehrer! Das ist meine Berufung!” Jedenfalls bin ich sehr gerne einer. Ich mag es, jungen Leuten dabei zu helfen, die besten Versionen ihrer selbst zu werden. Auch wenn das nicht immer klappt. Ich mag es, wie bescheuert Klausuren und Prüfungen zu korrigieren (in der Regel 500-700 Klausuren im Schuljahr und noch einmal, je nach Jahrgang, 50-100 Prüfungen) in der Aussicht dann wenigstens freie Ferien zu haben. Das klappt meistens. Ich mag es, einen sicheren Job zu haben, der gut genug bezahlt ist. Insbesondere heutzutage schätze ich das sehr. Ich schätze es auch sehr, mit meinem Fach meistens um 14 Uhr nach Hause gehen zu dürfen, um Zeit mit meiner Familie zu haben, auch wenn ich noch etwas für die Schule machen muss. Aber ich bin zuhause. Das ist mir sehr viel wert. Ich kann meinen Kindern beim Wachsen und Lernen zusehen. Und ich werde auch noch weitere Dinge an meinem Job wertzuschätzen lernen, aber in meiner letzten Stunde fiel mir kein anderer Einstieg ein.

Mehr hatte ich nicht vorbereitet. Und dann Stille. Gerechnet hatte mit dem Anfang mit Sicherheit niemand. Gemerkt hatten meine Schülerinnen schon, dass etwas an mir anders war, ich war nicht selbstbewusst wie immer. Ich war nicht derjenige, der mit einem freundlichen “Hallo alle zusammen!” in den Raum trat und als allererstes die Anwesenheit kontrollierte. “Först se wörk, sen se fun!” die Devise, in perfektem Schulenglisch. Ich setzte mich vorne hin, schwieg meine Klasse für eine gefühlte Ewigkeit an und begann dann mit den vier Worten. Vier kleine Worte mit einer riesigen Message. 

Trotz all meiner Liebe für meine Schüler, für meinen Job, für alles, was ich tat, war ich für den Moment „durch“, wie man so schön sagt. Meine Klasse, die ich erst seit einem halben Jahr habe, und die zwei Monate vor ihrer mittleren Reife steht, ist eine „herausfordernde Klasse“. Ich denke, das ist der pädagogisch sinnvollste Ausdruck dafür. Ich habe 20 Schülerinnen und Schüler. 8 davon haben psychische Probleme verschiedenster Arten und Ausprägungen. Mehrere von ihnen waren über das Schuljahr hinweg deswegen bereits, manchmal mehr als einmal, stationär in einer psychiatrischen Klinik. Zwei Jungs kamen am ersten Schultag zu mir, sie müssen um 12 zu Gericht wegen des Vorwurfs der Körperverletzung. Die Klasse wurde zu Beginn des Schuljahres aus zwei Klassen zusammengesetzt, die sich nicht leiden konnten. “Mit den Asis wollen wir nicht in eine Klasse!” so die damalige Darstellung einer Schülerin. Das Lern-Niveau ist extrem unterschiedlich: Dank der Coronaverordnung wurden nämlich alle – egal mit welchen Noten – ins nächste Schuljahr versetzt. Gegenseitiges “Gezicke” und hinter dem Rücken über andere Lästern ist an der Tagesordnung. Das ist für das Alter zu einem gewissen Grad normal. Vorwürfe der Vergewaltigung untereinander allerdings nicht. Auch diese gab es. Die Drohung mehrerer Eltern mit dem Anwalt, da meine Kollegen teils “mit Willkür” benoten würden, gibt es auch. Der Anwalt war sogar schonmal da. Zum Glück ging er wieder. Fast jeden Morgen (nein, wirklich keine Übertreibung!) erreichen mich Nachrichten meiner Schüler über unseren Messenger oder per Email, dass sie mit mir reden müssen, es gebe erneut Probleme untereinander oder mit sich selbst. Einmal in der Schule angekommen, steht häufig der oder die nächste vor der Tür. Man müsse mit mir reden. Es gebe Probleme mit Mitschülern oder mit sich selbst oder in der Familie. Kollegen kommen fast täglich zu mir (auch das, leider, keine Übertreibung!). Es gebe Probleme mit den Schülern. Protokolle führen zum Fehlverhalten der Schüler, Dokumentationen (auch der Fehlzeiten), Gespräche, auch mit den Eltern, Psychiatern, Klinikmitarbeitern, der Schulleitung oder Kollegen sind selbstverständlich; alles analog. Das frisst wahnsinnig Zeit. Und die 25 Stunden Unterricht insgesamt in der Woche kommen noch dazu. Unter Coronabedingungen, also: Mehrmaliges Testen die Woche, protokollieren und Organisieren der Testung, Aufrechterhalten des Remotelearnings und normalen Unterrichts gleichzeitig, wenn mal wieder einer in der Quarantäne hängt. Daneben versuche ich ein persönliches Leben zu führen, mit allen Freuden und Problemen. Ich versuche mein professionelles Leben von meinem persönlichen Leben fernzuhalten. Deswegen habe ich zuhause keinen Arbeitsplatz. Ich bereite in der Schule vor, das hält die Arbeit auch von meinem Privatleben fern. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Hobby zum Ausgleich habe ich zwar, aber das habe ich vor einigen Monaten zum letzten Mal gemacht. Es ist einfach keine Zeit.

Eine meiner Kolleginnen verglich kürzlich in diesem Rahmen meinen Job mit dem eines Mobiles für Babies. Als Klassenlehrer einer Klasse stehe ich im Mittelpunkt dieses Mobiles, ständig um Ausgleich der schwingenden Kräfte bemüht. Und das trifft es doch sehr gut. Gleichzeitig ist man als Mittelpunkt des Mobiles immer unter Spannung. Reißt ein Teil durch zu viel Krafteinwand, fällt alles in sich zusammen. Der Druck für uns (Klassen-)Lehrer ist also enorm. Jetzt möge ich kurz darum bitten sich das Mobile der obigen Klasse einmal kurz vorzustellen. 

Mit dem fortlaufenden Schuljahr wurde es immer schwerer für mich diese Kräfte meiner Klasse zu balancieren und gleichzeitig mein Privatleben da rauszulassen. Eine unbedingte Erreichbarkeit auch jenseits des Klassenraums machte es zunehmend schwerer. Meine Frau ermahnte mich immer wieder, abends auch mal das Handy wegzulegen: “Wissen die denn nicht, dass du auch mal Feierabend hast?” Auch beim Aufstehen morgens um 5 Uhr war der erste Blick aufs Handy gerichtet. Jedes Vibrieren und das Aufploppen des Logos vom Schulmessenger machte mich nervös: „Was ist es heute?“ war mein fast täglicher Begleiter. Nun wage ich eine Einschätzung meiner Selbst: Ich bin ein starker Mann. Sowohl körperlich als auch psychisch. Ich bin kein Superheld, aber ich kann eine Menge wegstecken. Habe ich in meinem Leben auch schon. Ich kann eine Menge verkraften. Ich renne auch nicht bei der ersten Verantwortung davon, oder mache auf krank und verpasse dadurch ein paar Tage Schule. Ich versuche aber auch realistisch zu sein und mir selbst einzugestehen, wann ich genug habe. Das ist nicht immer leicht, vor allem im Alltag. Erst eine volle Stelle, dann nach Hause und dabei helfen, die Kinder zu versorgen, und abends dann völlig tot aufs Sofa fallen und vor der Tagesschau einschlafen. So sieht in der Regel mein Alltag aus. Und so kam es mit der Zeit: Vor dem Betreten des Klassenzimmers meiner eigenen Klasse wurde ich immer angespannter. Teils ging das so weit, dass ich keine Lust hatte, meine Klasse zu sehen. In seltenen Momenten stand ich vor der Tür und dachte: “Nur noch X Monate. Dann ist rum.” Das ist kein schöner Gedanke. Man denkt, man hat schon versagt.

Aber das ist es: Erstens, ich habe zu viel getragen. Ich bin auch im Privatleben der Typ Mensch, der lieber riskiert alles fallen zu lassen, als zweimal zu gehen. So habe ich auch in der Schule versucht alles zu tragen. Für alles verantwortlich zu sein und allzeit der Fels in der Brandung für meine Schüler und alle ihre mitgeschleppten Päckchen zu sein, “Schulpapa” nannte mich eine meiner Schülerinnen mal – auf den ist immer Verlass! Nebenbei unzählige Bürokratie als One-Man-Show zu balancieren, ohne etwas davon abzugeben. Aber das ist häufig so auch vorgesehen. Man kann froh sein, wenn man als Klassenlehrer eine Stunde im Deputat dafür erhält. Bei mir ist es so jedenfalls nicht. “Machen Sie Ihren Job”, heißt es. Diese Überbelastung merkt man im Alltag häufig gar nicht wirklich. Ich dachte auch immer, dass ich sofort die Reißleine ziehen würde, sobald ich das bemerken würde. De facto merkte ich das erst, als ich meine Frau morgens laut anfuhr, weil sie mich nach einer Gabel fragte während unser Kind weinte, weil es keinen Apfel mit der Hand essen wollte. Ich hatte das Negative, die Anspannung, den Stress meines Berufslebens und meines gesamten Alltags, zu sehr in mein Privatleben Einzug halten lassen. Ohne es zu merken.

Zweitens bin ich ein Mensch. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute heutzutage da nicht mehr dran denken. Ja, auch Lehrer sind Menschen, wir sind verletzbar, wir können nur so viel leisten. Ja, wir Lehrer können unangenehme Menschen sein: Wir meckern viel. Manche von uns sind schlichtweg ungerecht. Wir wollen häufig Recht haben. Und perfekte Teamplayer sind wir dafür auf der anderen Seite nicht. Dafür haben wir Lehrer oft eine zu starke eigene Meinung. Aber: Viele sehen uns Lehrer als Maschinen, an die man sämtliche Anforderungen stellen kann, darf und auch soll: “Das ist ja auch dein Job. Sonst mach halt was anderes!” Natürlich ist das mein Job, aber ich brauche meinen Job, um zu leben. Und nicht andersherum. Viele Leute haben schlechte Erfahrungen in der Schule gesammelt, sie hatten miese Lehrer. Klar, die gibt es. Hatte ich auch. Aber wir sind nicht alle scheiße. Die meisten von uns wollen das Beste für eure Kinder. Mir inklusive. Aber ich bin kein Dienstleister, an den man blind alle seine Anforderungen stellen und dessen Leistung man mit einer schlechten Bewertung bei Amazon retournieren kann. Das höre ich übrigens immer öfter, Kollegen, die sagen: Wir sind Dienstleister, keine Lehrer, und erst Recht keine Menschen. Wir sind Beamte, die man genauso fertig machen kann wie die Mitarbeiter auf dem Amt, wenn die einen mit den Mühlen der Bürokratie quälen. Die sind übrigens auch nur Menschen. 

Drittens habe ich mich in den Sog der unbedingten Erreichbarkeit begeben. Das ist ein zweischneidiges Schwert, das jeder für sich selbst interpretieren muss: Auf der einen Seite ist man immer erreichbar, man kann einfache Dinge schnell klären, ohne dafür zig Termine im Schulalltag haben zu müssen, man kann uns Lehrer schnell darüber informieren, ob unsere Stunden ausfallen, oder wir vertreten müssen. Auf der anderen Seite ist man immer erreichbar (nein, kein Schreibfehler), man ist eben immer dazu verleitet, schnell auf Anfragen zu reagieren, ohne Pause zu machen. Man ist ständig für alle da, auch im Privatleben, wo man sein Augenmerk eigentlich auf die wichtigen Dinge des Lebens legen sollte. Auch mir ist das so ergangen. Die klare Linie zwischen Arbeit und Privatleben war weg. Das kann unter Umständen auch Türen öffnen, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen.

All das wurde mir klar, als ich mit meiner Stunde anfing. Es war eine gute Stunde. Ich redete selber viel. Ich redete mir meinen Frust von der Seele. Aber nie gab ich die Schuld meinen Schülern. Zu oft hörten diese solche Ansagen: “Wenn ihr so weiter macht, dann fliegt ihr raus!”, “Denkt doch mal an eure Zukunft!”. Denselben Tipp gab mir mein Schulleiter: “Sagen Sie das mal Ihren Schülern, dann wird denen das schon klar!” Nein, danke. Hat bisher auch nicht funktioniert. Die Sprüche konnte ich als Schüler selbst schon nicht hören. Zu oft fand ich mich aber in der Situation wieder, wo ich das meinen Schülerinnen selbst am liebsten sagte. Am liebsten mal kräftig schütteln. Nein, ich wollte meinen Schülerinnen zeigen, dass wir Lehrer Menschen sind. Dass ich zu viel geschleppt hatte. Dass es ein Fehler ist, immer und überall erreichbar zu sein, für alle Probleme eurer Welt! Dass wir Emotionen haben, uns um unsere Schüler sorgen, und nicht nur “von oben herab” denken. Dass wir irgendwann aber auch nicht mehr können. Dass ihre Taten bei uns Spuren hinterlassen, im Berufsleben wie im Privatleben. Ich weinte. Auch mehrere meine Schüler weinten. Uns allen tat dies gut, ich hatte nach der Stunde das Gefühl, dass sich irgendein Gewicht aufgelöst hatte. Wirklich. Ich ging lächelnd aus dem Zimmer. Das hatte ich schon länger nicht mehr gemacht.

Zu Beginn des Schuljahres hatte ich meine Schüler gebeten, mir einen Brief zu schreiben, in dem sie mir von sich erzählen, was sie gerne machen, was sie an der Schule mögen, was sie hassen, was ihre Träume und Ängste sind. Jedem einzelnen antwortete ich persönlich auf ihren Brief. Wir hatten eine gute Basis gefunden, die Schüler untereinander leider nicht. Ein paar Tage nach meiner besagten Stunde kam ich morgens ins Lehrerzimmer und fand mein ganzes Postfach vollgestopft mit Briefen, alle an mich adressiert. Alle hatten sie mir einen geschrieben, in dem sie die Stunde noch einmal von ihrer Seite reflektierten. In dem sie schrieben, dass sie während der Stunde Angst hatten, verwundert waren, traurig waren, keine Worte hatten, überrascht waren, nicht wussten, was sie tun sollten. Dass sie weinten, zornig über sich selbst und ihr Verhalten waren. Aber allen gemein war, dass sie nicht wussten oder vergessen hatten, was ihre eigenen Probleme und Aktionen bei anderen Menschen auslösen würden. Sie reflektierten ihr eigenes Selbst und ihre Handlungen. Teilweise über Seiten hinweg. Sie zeigten auf, was sie sich für die restlichen zwei Monate wünschten. Was sie selber aktiv dafür tun würden, um diese Wünsche zu erreichen. Dass sie sich teilweise mit ihren Erzfeinden vor der gesamten Klasse versöhnt hatten, ihre Probleme aktiv vor der ganzen Klasse angesprochen und unter großer Anstrengung aus dem Weg geräumt hatten. So etwas hatte ich nicht erwartet. Dieses Maß an Reife, dass sie doch besitzen, was wir alle zu blind waren zu sehen. Sie ließen ihre Menschlichkeit einmal zu. In den Zeilen haben sie mehr erreicht als sie sich selbst vorstellen können. So etwas erreichen teilweise nicht einmal unsere hochrangigen Politiker. Und wir reden hier von hochgradig professionellen Jugendlichen.

Zu oft lassen wir Lehrer uns von Klausuren, Prüfungen, Tagungen, Konferenzen, Bürokratie, “dem System” überwältigen. Zu oft sehnen wir uns nach den erlösenden Ferien, um einmal Luft holen zu können. Zu oft hat der Alltag uns so fest mit seinen Baby-Mobile-Balanceakten im Griff, dass wir Privat- und Berufsleben vermischen. Beziehungen leiden darunter, nicht nur die zwischen uns und unseren Schülern, auch die von uns mit unseren Familien. Der wirklich ehrliche Austausch mit unseren Klassen hat großes Potential. Sich metaphorisch nackt zu machen kann viel von diesem Stress bessern. Die Schüler schätzen das sehr, zu sehen, dass Lehrer wirklich (!) auch nur Menschen sind, mit allem, was das mit sich bringt. Natürlich kann das auch nach hinten losgehen, sind wir realistisch. Aber es kann auch ebenso stark ins Positive gehen und ein Lernklima fördern, das keine andere pädagogische Handlung, die ich bis dato versucht hatte, erreichen konnte. 

“Ich kann nicht mehr.” – Doch. Nur anders.